Der Ausverkauf der Nächstenliebe

Was ist eine Religion wert, wenn sie Menschen unterdrückt, diskriminiert und ermordet?

Von Martin Schnakenberg

ausverkauf_der_nachstenliebe1034Nächstenliebe – dieser Begriff wurde nicht etwa von Jesus von Nazareth, einem Religionsstifter der Christen, erfunden, sondern schon lange vor ihm in vielen Naturreligionen, die von Christen gerne als heidnisch bezeichnet werden. Betrachtet man die Urchristen, die an ihrem Symbol, dem Fisch, zu erkennen waren, dann hat es diese Nächstenliebe auch tatsächlich gegeben: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Unter der dann gegründeten klerikalen Vereinigung „Kirche“ änderte sich dieses aber zusehends.

Das lag aber weniger an den gläubigen Menschen, sondern mehr oder sogar ausschließlich an den Vereinsvorsitzenden, die sich Priester, Pater, Papst oder sogar anmaßend „Vater“ nannten. Der Big Boss Papst nennt sich beispielsweise bis heute „Stellvertreter Gottes auf Erden“, wobei man sich mitunter, damals wie heute, fragen muss, wessen Gottes? Des Himmels oder der Hölle?

Im Mittelalter wurden im Auftrage dieses noch nicht mal eingetragenen Vereins Menschen beiderlei Geschlechts auf einem Scheiterhaufen öffentlich verbrannt (Hexenverbrennungen), nur weil sie beispielsweise ganz unorthodox andere Menschen mit Kräuter heilen konnten, obwohl ein Quacksalber der Kirche angeordnet hatte, ein Bein abzusägen. – Im Norden Europas wurden Menschen im Namen Gottes enthauptet, wenn sie nicht den christlichen Glauben annehmen wollten. Einmal aber schlugen die Geknechteten (Friesen) zurück, indem sie den Missionar (Bonifatius) kurzerhand im Moor versenkten, als er frevlerisch eine dem Gott Donar (Thor) geweihte Eiche fällte. – Aus Süd- und Mittelamerika und aus der Karibik brachten Konquistadore tonnenweise geraubte Goldschätze für die Würdenträger des Vatikans, nachdem sie die vorherigen Besitzer (Inka, Maya, Azteken u.v.a.) brutal erschlagen hatten.

Das Vermögen der Kirche ist auf Blutgold gebaut, sagt man. Und das ist auch heute noch so. In einem der u.g. Artikel habe ich über den Papst geschrieben:

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Da spricht einer, der die Schwulen und Lesben verurteilt und sie als nicht gottgewollt bezeichnet, statt sie mit allen in Gleichheit zu vereinen. Da spricht einer, der Menschen lieber durch AIDS sterben lässt, statt Kondome zu erlauben. Da spricht einer, der rechtsnationalistische Gruppierungen in seiner Kirche zulässt und sie willkommen heißt, statt solche Tendenzen von vornherein auszuschließen. Da spricht einer, der die Augen verschließt vor den Qualen der Kinder, wenn sie wieder mal von den Priestern gezüchtigt und sexuell missbraucht werden, weil Jesus gesagt hat: „Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht!“. Über die Vergangenheit der Kirche mit Hexenverbrennungen, Kinderkreuzzügen und Inquisition will ich gar nicht erst schreiben.

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Aber man muss auch zugeben, dass die Oberen des Vereins nicht an allen Dingen schuld sind, die ihre Mitglieder „verbrechen“. Aber sie lassen es zu. Und ich weiß nicht, ob das nicht ein noch größeres Verbrechen ist.

Nehmen wir als Beispiel einen Verein mit dem wohlklingenden Namen „Deutsche Vereinigung für eine Christliche Kultur (DVCK) e.V.“ Ich sags gleich vorneweg: Sowas schäbiges und menschenverachtendes habe ich noch nie erlebt. Aber urteilt selber: Hier ist versteckt die Adresse der Homepage. Da heißt es unter der Überschrift: „Keine Sexualisierung der Kinder in der Grundschule“:

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Ab dem ersten Schuljahr sollen Kinder lernen, was Homosexualität, Bisexualität, Transsexualität und „sexuelle Vielfalt“ sind. Kinder sollen damit konfrontiert werden, um ihnen möglichst früh einzutrichtern, daß es so etwas wie eine „Sexuelle Vielfalt“ gibt.

Diese Indoktrinierung für Grundschulkinder ab der ersten Klasse hat sich SPD-Bildungssenator Jürgen Zöllner für Berlin ausgedacht.

Diese Indoktrinierung für Grundschulkinder ist ein unglaublicher Skandal. Wir müssen einen Sturm des Protestes erzeugen, der ganz Deutschland aufrüttelt!

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Dann wird noch zu einer Unterschriftsliste aufgerufen. Verantwortlich für die unglaubliche Schandtat ist Mathias von Gersdorff, ein Hetzer von Gottes Gnaden (gebt mal den Namen in eine Suchmaschine. Ihr werdet euch wundern!). Seine Lieblingsthemen sind die christliche Kultur (wo er etwas anderes darunter versteht, als Millionen Menschen), der Schutz der Kinder (sie sollen womöglich mit Scheuklappen durch die christliche Kultur eines Mathias von Gersdorff geschickt werden) und natürlich der Kampf gegen Schwule und Lesben in allen erdenklichen Formen. Ansichten zur arischen Reinheit der Herrscherklasse aus dem vorigen Jahrhundert drängen sich förmlich auf.

Alleine sein Aufruf ist im Sinne der Menschenrechte ein unglaublicher Skandal!

Denn er nimmt durch seine Machenschaften, die im übrigen von der CDU geduldet werden, dabei in Kauf, fordert sogar dazu auf, dass Menschen nicht nur diskriminiert, sondern schwache Kinder, vor allem Jungen, in den Tod getrieben werden. Das ist nicht nur einfach so dahingesagt, sondern traurige Wahrheit. Denn inzwischen gilt es schon mehrfach als erwiesen, dass ein Großteil der jugendlichen Selbstmörder vorher in ihrer Schule gehänselt und mit „schwule Sau“ beschimpft wurden, nur weil sie sich nicht so recht für Mädchen interessierten oder sich etwas Mädchenhaft benahmen.

Hätte man im Unterrichtsplan die Aufklärung über die Vielfalt der menschlichen Gefühle gehabt, so wie es Bildungssenator Jürgen Zöllner in Berlin vorsieht, dann wäre in den allermeisten Fällen kein Schaden entstanden.

Apropos Indoktrinierung: Ist es nicht auch Indoktrinierung, wenn ein schwuler oder lesbischer Mensch von Geburt an damit leben muss, dass Eltern, Schule, Kirche ihn zu einem Heterosexuellen erziehen wollen? Wenn ihm schon während der Pubertät gezeigt wird, wie unnormal er ist? Dass er während und auch nach dieser Zeit nicht, wie alle anderen, die schon mit 11 Jahren mit einer Freundin stolzieren gehen, öffentlich seinen Freund umarmen darf, außer es ist beim Fußball beim Toreschießen? Ist es nicht auch Indoktrinierung, wenn er solche Artikel von Kirchenvereinen liest und dabei erfährt, dass sogar die Zeitschrift „Bravo“, die auch wir damals in den 1960/70/80er-Jahren als UNSERE Zeitschrift hatten, von diesem Verein bekämpft wird? Und wenn dann Politiker wie Volker Beck beleidigt werden, weil sie einfach nur gleiches Recht für alle fordern? Im Gegenzug davon aber Politiker sogar die Gerichte angreifen, wenn ihnen etwas nicht passt, wie DIE ZEIT schreibt: „Homo-Ehe: Die Wut über Karlsruhe sitzt offenkundig tief. CSU-Chef Seehofer rügt, nur die Politik dürfe gesellschaftspolitische Grundsatzentscheidungen wie die zur Homo-Ehe treffen (weiterlesen). — Ich sage dazu: Nein, kleines Horstilein, wir allein haben das Recht, zu entscheiden. Gebt uns endlich die Möglichkeit dazu, statt in eurer erbärmlichen Homophobie immer wieder einen Großteil der Menschen unseres Landes zu beleidigen! Eine Entschuldigung wäre mehr als nur angebracht.

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Markus Ulrich vom Lesben- und Schwulenverband Deutschland e.V., den ich bat, er möge doch mal Stellung zu dem Christlichen Kulturverein nehmen, schrieb mir:

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Hallo Martin,

[…]

Das ist unser Statement für die DVCK, den Du sehr gern zitieren kannst.

Vielfalt gehört in die Lehrpläne, denn Aufklärung heilt Homophobie. Kinder und Jugendliche müssen lernen, dass Lesben und Schwule zur gesellschaftlichen Normalität gehören. Wissen fördert Akzeptanz statt Vorurteile und Hass.

Die Deutsche Vereinigung für christliche Kultur stellt das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung in Frage und disqualifiziert sich damit als Ewiggestrige. Ihre Reduzierung von Sexualität als Fortpflanzung und ihr absurder Aufruf gegen die Bravo verdeutlichen zugleich, dass eine christlich legitimierte lust- und menschenfeindliche Sexualmoral auch Heterosexuelle in Ihren Rechten einschränkt. Es zeigt sich, sexuelle Selbstbestimmung geht nicht nur Lesben und Schwule etwas an, sondern alle.

Beste Grüße

Markus

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Dem ist nichts mehr hinzu zu fügen.

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Siehe auch:

http://blog.zeit.de/joerglau/2013/03/05/der-sinnlose-kampf-der-union-gegen-die-homo-ehe_5907

http://www.zeit.de/politik/deutschland/2013-03/homoehe-familiensplitting-merkel

Schutz von Familien „kann nicht in einer Abgrenzung bestehen“: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/2030189/

Artikelreihe von 2010 „Die Kirche und der Mammon“, der mit diesem Artikel beginnt: 1. https://muskelkater.wordpress.com/2010/04/21/die-kirche-und-der-mammon-startkapitel/

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