Die Städtehanse – Ein mächtiger Bund

Reisen, handeln, profitieren

Von Martin Schnakenberg

Die Hanse – eine Großmacht im Mittelalter oder nur eine Gemeinschaft von Unternehmern, die erfolgreich Außenhandel betreiben wollten? Unter der Leitung Lübecker Kaufleute vereinten sich nach und nach 200 westfälische, sächsische, wendische, pommersche und preußische Städte zu einem Städtebund, der „stede van der dudeschen hense“. Das Gründungsdatum fällt in das Jahr 1356. Versuchen wir doch mal einen kleinen Rückblick auf eine Allianz ohne Territorium, ohne Verfassung und ohne Staatsoberhaupt, aber mit Macht und Auswirkungen bis in die Gegenwart.

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Er mochte sie nicht, die langen und unerquicklichen Sitzungen mit den abgeordneten Kaufleuten aus Hamburg, Lüneburg, Wismar, Rostock, Stralsund, Dortmund oder Soest. Sie hielten ihn nur von seinen Geschäften ab. Eher missmutig marschierte der Lübecker Kaufmann und Ratsherr Jakob Pleskow daher an jenem kalten und nebeligen Februarmorgen im Jahre 1356 zum Rathaus, wo man an einem hufeisenförmigen Tisch im holzvertäfelten Sitzungssaal miteinander verhandelte.

An diesem 2. Februar 1356 waren erstmalig Gesandte aus den drei Regionen der Hanse (wendisch-niedersächsisch, westfälisch-preußisch und gotländisch-livländisch) versammelt. Wichtigster Tagesordnungspunkt der Sitzung war eine Intervention der Abgeordneten, der Ratssendeboten der „gemenen stede“ (gemeinen Städte). Der Inhalt: In Brügge hatte sich 1347 die Niederlassung der hansischen Kaufleute – das Kontor – entschieden, selbst über seine Geschicke zu bestimmen. Das konnte der Kaufmannsbund nicht akzeptieren. Die Kontore in London, Brügge, Bergen und Nowgorod sollten sich den hansischen Städten unterordnen.

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Versammlungsgebäude des Hansekontors in Brügge, auch Haus der Osterlinge (Domus Osterlingorum) genannt

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Der Beginn eines mächtigen Bundes

Bereits im 12. Jahrhundert schlossen sich Kaufleute aus Sicherheitsgründen auf Handelsreisen zu Gemeinschaften zusammen, die man „Hansen“, vom Germanischen „Hansa“ = Schar, nannte. die erste Genossenschaft dieser Art ist 1157 in London urkundlich belegt. In dieser vereinigten sich Kölner Kaufleute und erwarben ein Grundstück, den Stalhof in London, der zur Keimzelle späterer Handelskontore wurde. In Visby auf der Insel Gotland entstand vier Jahre später eine Gilde: die Gemeinschaft der deutschen Gotland-Fahrer. Visby avancierte zu einer Drehscheibe im Ostseehandel.

Nach einer rund 200-jährigen Entwicklung war nun an diesem historischen 2. Februar 1356 aus einem ursprünglichen Kaufmannsbund ein Städtebund unter deutscher Vorherrschaft geworden. Denn die hansischen Ratsherren und Kaufleute nannten ihre Gruppe nun erstmalig die „stede van der dudeschen hense“ (Städte der deutschen Hanse). Ein wichtiges Datum der deutschen Geschichte und, wie sich später herausstellte, auch für die politische Laufbahn von Jakob Pleskow, der 1364 zum Bürgermeister Lübecks gewählt wurde. Er vertrat die Stadt bis 1381 auf allen Hansetagen, auf denen er auch jeweils den Vorsitz innehatte.

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Das Holstentor (Stadtseite) in Lübeck, um 1900

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Der Widerstand der Dänen

Den Kern der Städtehanse bildeten etwa 70 vorwiegend deutsche Städte, weitere 130 waren lose angebunden. das Gebiet reichte von Flandern (heute Belgien) bis nach Reval (heute Tallinn in Estland) und deckte dabei den gesamten Ostseeraum bis zum Finnischen Meerbusen ab. Beteiligt waren aber auch viele Städte im Binnenland.

Nach dem ersten Hansetag von 1356 dominierte der neue Bund der Hansestädte die Region nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch und militärisch. Vielerorts genoss die Hanse Vorrechte, so genannte Privilegien, wie z.B. Zoll- und Steuerfreiheit. Diese sicherten ihr entscheidende Vorteile gegenüber der einheimischen Konkurrenz und bildeten die Grundlage ihrer Geschäfte. Auf diese Vorrechte pochte die Hanse, notfalls auch mit Gewalt: Als beispielsweise der dänische König Waldemar IV. den Hansekaufleuten ihre Vorrechte entzog, kam es zum Krieg, aus dem die Hanse mit dem Frieden von Stralsund 1370 gestärkt hervorging.

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Hanse dominiert Nordosteuropa

Die siegreiche Städtehanse war plötzlich die dominierende Macht in Nordosteuropa – und dass, obwohl sie kein Territorialstaat war. Rückblickend war das der Höhepunkt ihrer Machtentfaltung. Sogar die Königswahl in Dänemark wurde von ihrer Zustimmung abhängig gemacht. Ernsthafte Gegner waren Ende des 14. Jahrhunderts nur die Seeräuber (Vitalienbrüder, Likedeeler) in der Nord- und Ostsee.

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Das Schifffahrtsmuseum Bremerhaven wirbt mit einer Attraktion: den gut erhaltenen Überresten einer Kogge. Auf diese stieß man 1962 beim Ausbaggern eines Hafenbeckens. Wissenschaftler datieren das Schiff auf die Zeit um 1380.

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Bedrohung durch Störtebeker & Co.

Die so genannten Vitalienbrüder oder auch Likedeeler operierten von der Ostseeinsel Gotland aus und kaperten und versenkten neben den Koggen der Hanse auch dänische Kriegsschiffe. 1401 gelang der Hanse der entscheidende Schlag gegen die Räuber der Meere: Simon von Utrecht, Befehlshaber der Hamburger Flotte und Kommandant ihres Führungsschiffes „Bunte Kuh“, nahm die berühmten Piraten jener Zeit, wie Klaus Störtebeker, Gödeke Michels und Magister Wigbold, bei Helgoland und auf der Weser gefangen. Am 20. Oktober wurden sie mit weiteren Gefährten auf dem Grasbrook bei Hamburg enthauptet. Der Legende nach soll Störtebeker vom Bürgermeister der Hansestadt gestattet worden sein, dass all jene Männer überleben durften, an denen er nach seiner Enthauptung noch vorbeizugehen vermochte. An elf Männern schritt der Geköpfte vorbei, bevor ihm der Henker ein Bein stellte. Nach dem Sturz des Piraten brach der Bürgermeister allerdings sein gegebenes Versprechen, und alle Seeräuber wurden enthauptet. Eine weitere Legende um diese Hinrichtung besagt, dass der Scharfrichter alle Enthauptungen selbst und fehlerfrei durchgeführt hätte. Als ihn ein Mitglied des anwesenden Rates daraufhin lobte, soll er geantwortet haben, das sei noch gar nichts, er könne auf Wunsch auch noch den gesamten, versammelten Rat abtun. Daraufhin wurde er selbst in Gewahrsam genommen und vom jüngsten Ratsmitglied enthauptet. Die Köpfe wurden zur Abschreckung längs der Elbe aufgespießt. Hinterlassenschaften Störtebekers, wie sein berühmter Trinkbecher, wurden beim Großen Hamburger Brand 1842 zerstört.

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Bryggen (norwegisch = Kai, Landungsbrücke, Anlegestelle), oder auch Tyskebryggen (der Deutsche Kai), waren die Kontore der Hanse-Kaufleute in Bergen/Norwegen. Das ehemalige Hansekontor nimmt die ganze Ostseite der Bucht Vågen ein.

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Die globale Herausforderung

Mit der Zeit aber wuchsen neue Bedrohungen heran: So war die Hanse gegenüber den globalen Veränderungen im 15. und 16. Jahrhundert machtlos. Viele ausländische Herrscher und deutsche Landesfürsten nahmen den Handel zunehmend selbst in die Hand und behinderten die Hanse. Zudem erwies sich die Kombination von Waren- und Geldgeschäften, wie sie von Handelshäusern, wie die berühmten Fugger aus Augsburg, betrieben wurden, als weitaus profitabler. Außerdem verlagerten sich die Handelsinteressen zunehmend auf die Kolonien im neu entdeckten Amerika.

Die Städtehanse war nicht in der Lage, auf die Herausforderungen des sich verändernden Weltmarktes zu reagieren, da ihnen Kontakte und Niederlassungen auf den neuen Märkten fehlten. Engländer, Spanier, Niederländer, Genuesen und Venezianer dominierten nun den Welthandel und damit zunehmend auch den Nord- und Ostseeraum.

Die Zahl der hansischen Mitgliedsstädte ging nach Beendigung des dreißigjährigen Krieges immer weiter zurück. 1669 trafen sich die Gesandten der wenigen in der Hanse verbliebenen Städte: Lübeck, Hamburg, Bremen, Danzig, Rostock, Braunschweig, Hildesheim, Osnabrück und Köln. Diese Zusammenkunft in Lübeck sollte der letzte Hansetag sein und besiegelte das Ende der historischen Hanse.

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Deutsch/Schwedische motivgleiche Briefmarkenausgabe 2006 anlässlich 650 Jahre Städtehanse

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Wiederbelebung eines Mythos

1980 lud die niederländische Stadt Zwolle anlässlich ihrer 750-Jahr-Feier zu einem Hansetag der Neuzeit ein, um an den alten Mythos anzuknüpfen. Auf dem ersten Hansetag seit 1669 wurde festgelegt, dass der Lübecker Bürgermeister (aktuell Bernd Saxe), entsprechend der Tradition, den Vorsitz der Hansesitzungen übernehmen soll. Inzwischen nehmen regelmäßig mehr als 100 Städte aus ganz Europa an den Hansetagen teil. Wie die alte Städtehanse stärkt auch die heutige Gemeinschaft ihre Mitglieder bei der Bewältigung von Problemen. Beraten werden Gegenwartsfragen, wie zum Beispiel Umwelt- oder Denkmalschutz. Somit gilt damals wie heute das Motto: „Zusammen sind wir stärker!“

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Weitere Hinweise und Links:

Suche nach dem Begriff Hanse: http://ecosia.org/search.php?q=Hanse+historisch+Handelsbund

Oder auch: https://www.google.de/search?q=Hanse+historisch+Handelsbund

Städtehanse bei Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Städtehanse

Hanse auf Bayrisch: http://bar.wikipedia.org/wiki/Hanse

und auf Plattdeutsch: http://nds.wikipedia.org/wiki/Hanse

350 Jahre Stader Hansegeschichte: https://www.vile-netzwerk.de/static_pages/politik_archiv/archiv/archiv/www.gemeinsamlernen.de/vile-netzwerk/Regionalgruppen/nord/projekte/Archiv/hanse/stade/1%20Geschichte/3%20index.html

Ein Bericht im Hamburger Abendblatt: http://www.abendblatt.de/kultur-live/article1325727/Wie-die-Hanse-ein-koenigliches-Verbot-umschiffte.html

Kontor: http://de.wikipedia.org/wiki/Kontor

Brügge, Flandern, Belgien: http://de.wikipedia.org/wiki/Brügge

Bryggen, Bergen/Norwegen: http://de.wikipedia.org/wiki/Bryggen

Vitalienbrüder: http://de.wikipedia.org/wiki/Vitalienbrüder

Likedeeler: http://nds.wikipedia.org/wiki/Likedeeler

Klaus Störtebeker: http://de.wikipedia.org/wiki/Klaus_Störtebeker

Jakob Pleskow: http://de.wikipedia.org/wiki/Jakob_Pleskow

Lübecker Bürgermeister: http://de.wikipedia.org/wiki/Lübecker_Bürgermeister

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Alle Bilder stammen aus der Wikipedia und sind frei nach der GNU-Lizenz

Alle weiteren Daten sind der TimeLife-Buchreihe “Spektrum der Weltgeschichte” und “Die Hanse – Aufstieg, Blütezeit und Niedergang der ersten europäischen Wirtschaftsgemeinschaft” entnommen.

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