Papa, Matze hat gesagt… – Heute: Gerechtigkeit. – Vor oder hinter dem Gesetz?

Vater und Sohn im Zwiegespräch

Von Martin Schnakenberg

Herzlich willkommen zum ersten satirischen Vater-Sohn-Gespräch im neuen Jahr. Die Gerechtigkeit, das Recht, beschäftigt die Menschen nun schon seit Anbeginn und auch Vater und Sohn können das sicherlich nicht innerhalb eines Gespräches klären. Aber sie können einige Themen ansprechen und damit Raum geben für weitere Diskussionen. Denn was ist Gerechtigkeit? Nur etwas, was in den Gesetzbüchern steht? Oder spielen da auch andere Faktoren, vor allem die Menschlichkeit, eine Rolle?

Wie es der Zufall so will, ist noch einer so ganz zufällig und total unbeabsichtigt am Gespräch beteiligt. Und zwar Matthias, Sohnemanns Freund, kurz Matze genannt. Meist ist dessen Vater es, der beim Sohn einen Eindruck hinterlässt, wenn Matze von ihm erzählt und dabei bestimmte Themen berührt, die dem Sohn dann keine Ruhe mehr lassen. Er muss dann einfach wie seinerzeit Till, der Junge von nebenan, zu seinem Vater ins Arbeitszimmer und diesen dann solange mit Fragen und Argumenten bombardieren, bis ein einigermaßen akzeptables Ergebnis heraus kommt.

So wie hier, wo es eben um die Gerechtigkeit geht – und um Geld. Viel Spaß.

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SOHN: „Du Papa? – Papa, Matze hat gesagt, sein Vater hat gesagt…“

VATER unterbricht: „Ja, das kannst du mir gleich alles erzählen. Gib mir zuerst mal das Radiergummi. Es liegt auf dem Regal, zweites Bord, Mitte links vor dem Band K bis L. Du stehst direkt davor.“

SOHN: „Schon gefunden. Du, das hatten wir doch schon mal, oder?“

VATER: „Was. Das du mir dein Thema nicht erzählen konntest, weil ich dich mit Arbeit eingedeckt hatte? – Oh, das muss aber sehr bitter für dich gewesen sein!“

SOHN überhört die Ironie: „Nee, das meinte ich nicht. Ich meinte, wo du dein Radiergummi schon mal gesucht hast. Und da lag es vor Band A bis B. Weißt du noch?“

VATER: „Ja, weiß ich noch. Allerdings war das dein Radiergummi, was ich deiner Meinung nach geklaut hatte!!!“

SOHN: „Das hast du noch nicht vergessen?“

VATER: „Nein. Die Gespräche mit meinem Sohn vergesse ich niemals!“

SOHN: „Oh … war das jetzt ’ne Drohung?“

VATER: „Das kannst du halten, wie du willst. Für mich sind die Gespräche jedenfalls immer hilfreich gewesen.“

SOHN ungläubig: „Das meinst du doch nicht im Ernst, oder? Ich meine mal gelernt zu haben, dass Kinder von ihren Eltern und von erwachsenen Leuten, wie Lehrer und so, was lernen sollten.“

VATER lehnt sich zurück und schüttelt den Kopf: „Nein, mein Lieber. Es ist tatsächlich so, dass jeder von jedem lernen sollte. Leider ist das nicht immer so einfach.“

SOHN: „Wieso nicht?“

VATER: „Ganz einfach: Weil jeder im Recht sein will. Nicht möchte, sondern will. Und das hat was mit der heutigen Ellenbogengesellschaft zu tun.“

SOHN: „Was ist das denn? Sowas wie im Kaufhaus, wenn man sich durchdrängeln muss?“

VATER: „Ganz genau so. Dann brauchst du auch deine Ellenbogen, um den Weg frei zu machen.“

SOHN zitiert: „Hoppla, jetzt komm ich!“

VATER nickt: „Ja. Und dabei gibt es immer wieder Verlierer. – Aber hattest du nicht vorher ein anderes Thema gehabt?“

SOHN: „Nee-Nee. Das ist schon richtig so, wenn du das Thema Recht meintest. Matze hat nämlich gesagt, sein Vater hat gesagt, bei Geld hört die Gerechtigkeit auf.“

VATER lehnt sich geschäftig wieder vor: „Dieser Satz ist erstens unverständlich, zumindest in diesem Zusammenhang, und zweitens ist er falsch.“

SOHN: „Du verstehst den Satz nicht?“

VATER: „Nein.“

SOHN: „Und woher weißt du dann, dass er falsch ist?“

VATER: „Weil ich mir, ungeachtet der unverständlichen Formulierung, schon denken kann, welches Klagelied Matze’s Vater anstimmen will!“

SOHN: „Und wie geht das?“

VATER: „Etwa so: O schlimme, böse und ungerechte Welt, in der es Arme gibt und Reiche!

SOHN: „Das reimt sich aber garnicht.“

VATER: „Reimt sich nicht!? – Aber den Sinn habe ich ja wohl getroffen.“

SOHN: „Nee, glaub ich nicht. Weil Matze’s Vater gesagt hat, dass alle Menschen gleich sein sollten. Also bei uns.“

VATER: „Vor dem Gesetz, ja! Vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich – aber doch nicht im Hinblick auf ihren Geldbeutel oder der Höhe ihres Bankkontos.“

SOHN: „Meint er ja, vor dem Gesetz. Aber das haut ja grade nich hin.“

VATER: „Wo soll es nicht hinhauen?!“

SOHN: „Na, zum Beispiel, wenn einer was gemacht hat, wo er vielleicht ins Gefängnis muss.“

VATER: „Was heißt hier vielleicht? Entweder er muss oder er muss nicht. Und das stellt sich im Prozess heraus. Und zwar ohne Ansehen der Person!“

SOHN: „Manchmal muss man aber schon vor dem Prozess ins Gefängnis, sagt Matze’s Vater. Wenn die denken, man hat ’n dickes Ding gedreht, oder so.“

VATER: „Bei vermuteten schweren Straftaten wird Untersuchungshaft angeordnet, genau richtig. Damit die Verdächtigen nicht noch vor dem Prozess das Weite suchen.“

SOHN: „Aber die reichen Leute brauchen da nich rein, in diese Haft, sagt Matze’s Vater. Die zahlen einfach ’ne Million oder so – und dann können sie in ihrer Villa bleiben.“

VATER: „Dann spielt Matze’s Vater wohl auf die Möglichkeit einer Kaution an.“

SOHN: „Ja, spielt er.“

VATER: „Nun ja. Das mag auf dem ersten Blick vielleicht etwas ungerecht aussehen. Aber eine hohe Geldsumme ist eben eine Garantie dafür, dass der Verdächtige nicht weglaufen wird. Und dann braucht man ihn auch nicht einzusperren, zumal er ja auch unschuldig sein kann.“

SOHN: „Aber wenn einer kein Geld hat, kann er doch auch unschuldig sein.“

VATER: „Ja doch. Theoretisch ist jeder so lange unschuldig, bis er verurteilt ist. Aber wenn jemand in Untersuchungshaft genommen wird, geht man wohl eher davon aus, dass er nicht unschuldig ist.“

SOHN: „Und von den Reichen nimmt man das nicht an?“

VATER: „Von ihnen nimmt man an, dass sie … naja, nicht so hohe Kautionen stellen würden, wenn sie sich nicht unschuldig fühlen würden. Im übrigen wird auch nicht jede Kaution angenommen. Aber einen Prozess gibt’s schließlich auf jeden Fall.“

SOHN: „Aber bis der Prozess losgeht, haben sie es ganz gemütlich zu Hause. Wegen dem vielen Geld.“

VATER: „So gemütlich werden sie es auch nicht haben – angesichts einer Verhandlung, die vielleicht in allen Zeitungen Schlagzeilen macht.“

SOHN: „Aber die wissen wenigstens, dass sie ’nen ganz berühmten und teuren Anwalt haben werden, die Reichen…“

VATER wird langsam ungeduldig: „Ja doch! Es bestreitet ja auch kein Mensch, dass mit Geld vieles leichter ist im Leben!“

SOHN: „Leichter kann’s ja ruhig sein. Bloß nicht ungerecht.“

VATER: „Es ist nicht ungerecht, jemanden gegen Kaution auf freiem Fuß zu lassen, sondern sogar günstiger, auch für den Staat. Wollen wir jetzt alles noch mal wiederholen?“

SOHN: „Nee, dann kommen wir ja garnich zu den anderen Sachen.“

VATER: „Andere Sachen auch noch … na schön. Also?“

SOHN: „Matze’s Vater sagt, mit dem Studieren geht das auch viel besser, wenn man ’ne Menge Euros hat.“

VATER: „Bei der Vergabe von Studienplätzen wird ja wohl das Einkommen der Eltern nicht berücksichtigt. Was soll das also?“

SOHN: „Aber es gibt doch Privat-Uni’s, wo die Reichen studieren können. Kostet ein Vermögen jedes Semester, sagt Matze’s Vater.“

VATER: „Na und? – Das müsste er doch gerade gerecht finden, dass die Reichen nicht auch noch umsonst studieren! Sieh das doch mal von der Seite!“

SOHN: „Für die Studenten ist es aber doch ungerecht, weil: die armen Studenten haben nachher ’n Haufen Schulden, wenn sie fertig sind, weil sie das Studieren bloß gepumpt kriegen!“

VATER: „Sie bekommen ein Darlehen, das sie nach und nach zurück zahlen müssen. Na und? Dann sind sie wenigstens motiviert, in ihrem Beruf auch was zu leisten und Geld zu verdienen!“

SOHN: „Du meinst, die sind nachher besser in ihrem Beruf? Als die anderen von der teuren Uni?“

VATER: „Ich habe nicht gesagt besser, sondern motivierter. Sie nehmen ihren Beruf vielleicht besonders ernst, weil sie Opfer für ihn gebracht haben.“

SOHN: „Ach so. Verstehe. – Dann müsste man eigentlich immer erst fragen, wenn da ein neuer Arzt ist, ob der reich oder arm studiert hat, wie? Damit man weiß, ob er alles richtig ernst nimmt…“

VATER sauer: „Das kann jeder halten, wie er will!“

SOHN gibt nicht nach: „Weil die Reichen vielleicht ihre Arbeiten auch garnich selber geschrieben haben, nich?“

VATER: „Was ist das nun schon wieder? Wenn du die Doktorarbeit des Ministers aus Bayern meinst, das ist schon woanders genügend durchgekaut worden!“

SOHN: „Ja, das auch. Aber ich habe die Anzeigen in den Zeitungen gemeint, dass man sich seine Examensarbeit schreiben lassen kann – für Geld!“

VATER: „Solche Anzeigen habe ich noch nicht gesehen. Wer weiß, in welch dubiosen Zeitungen Matze’s Vater sie gefunden hat…“

SOHN: „Die stehen immer in der „Welt am Sonntag“ oder der „Rundschau“. Hat er mir gezeigt. Und das geht ganz diskret und vertraulich mit den Arbeiten, steht da.“

VATER: „Lässt sich denken…“

SOHN: „Weil’s verboten ist?“

VATER: „Natürlich ist das verboten, sich von anderen seine Examens- oder Doktorarbeit schreiben zu lassen oder die von anderen zu kopieren!“

SOHN: „Und warum gibt’s dann solche Anzeigen?“

VATER: „Weil ein Verleger nicht auch noch jede Anzeige lesen kann. Der Verleger, wie einer mal selbst gesagt hat, ist zwar durchaus bemüht, „bei all seinen äußeren Erfolgen keinen Schaden an seiner Seele zu nehmen“, aber er kann andererseits auch das freiheitliche Prinzip nicht verletzen!“

SOHN: „Das ist freiheitliches Prinzip, wenn man was Verbotenes macht??“

VATER: „Herrgottnochmal. Der Verleger macht ja nichts Verbotenes. Er stellt es sozusagen jedem frei, das Richtige oder das Falsche zu tun. Und wenn dann jemand was Falsches tut, dann macht er das auf eigene Verantwortung und auf eigenes Risiko!“

SOHN: „Ach so ist das.“ – Kleine Pause. – „Papa? Dann war das beim Präsidenten sicher auch so in etwa ähnlich, oder? Annähernd. Ich meine das mit dem Richtig oder Falsch tun.“

VATER: „So in etwa annähernd ähnlich, ja. Der Bundespräsident bekleidet ein öffentliches Amt. Und dann muss er sich auch gefallen lassen, dass etwas aus seinem Privatleben an die Öffentlichkeit dringt. Einen Redakteur zu bitten, etwas nicht zu veröffentlichen, ist richtig. Ihm zu drohen, ist falsch.“

SOHN eifrig: „Genau das sagte Matze’s Vater ja auch. Außerdem hat keiner das Recht, die Pressefreiheit zu beschränken, nur weil ihm irgend etwas nicht passt.“

VATER: „Wobei das mit der Pressefreiheit ein zweischneidiges Schwert ist. Die Freiheit der Presse darf nicht soweit gehen, dass sogar die Ehre und Würde eines Menschen darunter leidet.“

SOHN: „Du meinst den ersten Paragraphen des Grundgesetzes?“

VATER: „Genau. Hattet ihr ja neulich auch in der Schule. – Aber: Niemand kann einen erwachsenen Menschen daran hindern, gegen Vorschriften oder Gesetze zu verstoßen. Das kann nicht einmal der Staat, wie man weiß…“

SOHN: „Aber der Staat kann die Leute dann bestrafen.“

VATER: „Das kann er, und das tut er auch. Denn vor dem Gesetz sind alle gleich.“

SOHN: „Aber hinter dem Gesetz wird ganz schön gemogelt und rumgeschoben, vor allem, wenn man Geld hat, was Papa?“

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