Budapester Manifest der Studenten vom 23.10.1956

Forderungen und Mahnungen an die Unterdrücker

Redaktion: Martin Schnakenberg

Der Ungarnaufstand des Jahres 1956 gehört zu den wichtigsten Ereignissen des vergangenen Jahrhunderts. Er steht symbolisch für den Anfang vom Ende der Sowjetunion und zeigte der ganzen Welt, dass die von der Sowjetdiktatur unterdrückten Völker sich nicht auf ewig unterdrücken lassen würden. Auf der anderen Seite zeigte er leider auch klar und deutlich, dass die Westmächte, insbesondere die USA, lieber ein ganzes Volk opfern, als dass sie der damals noch mächtigen Sowjetunion direkt die Stirn bieten würden. So wichtig dieses Ereignis auch ist, es spielt in den Köpfen der Menschen leider keine allzu große Rolle. Im Westen wurde der Revolution nicht die Aufmerksamkeit erteilt, die sie verdient hätte, da so das feige Verhalten der Nationen offenkundig geworden wäre, welche die Ungarn einmal mehr im Stich ließen, als sie ihre Hilfe am dringlichsten gebraucht hätten. Und im Osten, also der Sowjetunion, funktionierte der Propagandaapparat des Kreml weiter tadellos.

Nun sind einige Jahrzehnte vergangen, und mit dem Ende der Sowjetunion begann die Aufarbeitung all der grässlichen Taten dieser kommunistisch untermauerten Diktatur. Auch der Ungarnaufstand fand in der Folgezeit mehr Beachtung, und zum fünfzigjährigen Jubiläum im Jahre 2006 erschien einiges an neuerer Literatur zu dem Thema.

Im Rahmen der Aufarbeitung der Verbrechen der Sowjetunion wurden die Staatsarchive in Russland und all den anderen ehemaligen Sowjetstaaten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Und so konnten einige der vielen offenen Fragen über den Ungarnaufstand endlich geklärt werden. Davon profitierten die Publikationen, die ab 2006 auf den Markt kamen. Viele der alten Standardwerke über den Aufstand waren mittlerweile längst überholt und nicht mehr brauchbar. Es gibt allerdings einige Werke, die niemals veraltet sein werden. Dazu gehört an erster Stelle „Die ungarische Tragödie. Wie der Aufstand von 1956 liquidiert wurde“ (in jeder Bibliothek einsehbar oder im Antiquariat gut sortierter Buchhandlungen erhältlich) des früheren Polizeipräsidenten von Budapest Sándor Kopácsi, der den Aufstand als Mittelsmann zwischen der Politik und der Gesellschaft unmittelbar auf den Straßen Budapests miterlebte und alles im genannten Buch niederschrieb. Keine noch so große Menge an Information, welche die neuen Bücher zu diesem Thema zu bieten haben, kann mit der emotionalen und leidenschaftlichen Erzählung solcher Zeit- und Augenzeugenberichte mithalten.

Zum anderen wäre da eben das „Tagebuch eines ungarischen Studenten“, geschrieben von Laszlo Beke. Beke war zum Zeitpunkt des Aufstandes Student an der Kunstakademie Budapest. Er gehörte zu den dreiundvierzig Studenten, die sich am 19. Oktober 1956 vor den Toren von Budapest trafen, um den ersten Schritt in Richtung einer Revolution zu tun. Keiner von Ihnen ahnte, was für eine riesige Reaktion das von ihnen ausgearbeitete vierzehn Punkte umfassende Manifest hervorrufen würde. Doch es wurde eine Revolution des Volkes. Der Aufstand einiger Studenten entwickelte sich in Windeseile zu einer Revolution des Volkes gegen die Unterdrücker. Laszlo Beke war von Anfang an dabei und schrieb seine Erinnerung an die Ereignisse in Tagebuchform nieder. Seine Erzählung beginnt am 16. Oktober 1956 und endet am 01. November, dem Tag, an dem den Studenten klar wurde, dass sie die Kriegsmaschinerie der Sowjets nicht länger bekämpfen konnten und Laszlo sich mit seiner Frau auf den Weg nach Österreich und von dort nach Kanada machte.

Mit seinem Tagebuch liefert Beke der Nachwelt eine weitere Perspektive des Aufstandes: Die Perspektive eines der Studentenführer, die den Aufstand auslösten. Da das Buch schon 1957 erschien, als noch nicht viel über die politischen Hintergründe bekannt war, beschränkt sich Beke auf eine Nacherzählung der Ereignisse, wie er sie sah. Er beschreibt die Szenen, die sich in den Straßen abspielten und liefert als Hintergrundinformation lediglich das, was die Studenten zu den einzelnen Zeitpunkten tatsächlich wussten. Dadurch entsteht ein authentisches Bild dessen, was sich in Budapest in den 16 Tagen zutrug. Das „Tagebuch eines ungarischen Studenten“ trägt ein weiteres Stück dazu bei, dass immer mehr über dieses wichtige Ereignis bekannt und niemals vergessen wird.

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Und hier das Manifest:

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  1. Wir fordern den alsbaldigen Abzug aller Sowjettruppen nach den Bestimmungen des Friedensvertrages.
  2. Wir fordern die Wahl neuer Führer der Partei der Ungarischen Werktätigen auf der unteren, mittleren und höheren Ebene in geheimer Wahl von unten nach oben. Diese Funktionäre sollen so rasch wie möglich einen Parteikongress einberufen, um ein neues Zentralkomitee zu wählen.
  3. Unter Führung des Genossen Imre Nagy muss sich eine neue Regierung konstituieren; alle verbrecherischen Führer der Stalin-Rákosi-Ära müssen unverzüglich von ihren Pflichten entbunden werden.
  4. Wir fordern eine öffentliche Untersuchung der verbrecherischen Tätigkeit von Mihály Farkas und seinen Komplizen. Mátyás Rákosi, der die größte Verantwortung für alle Verbrechen in der jüngsten Vergangenheit, wie für den Ruin unseres Landes trägt, soll nach Ungarn zurückgebracht und vor ein Volkstribunal gestellt werden.
  5. Wir fordern, dass im ganzen Land allgemeine und geheime Wahlen abgehalten werden, an der alle politischen Parteien teilnehmen, um eine neue Nationalversammlung zu wählen. Wir fordern, dass das Recht der Arbeiter auf Streik anerkannt wird.
  6. Wir fordern die Überprüfung und Neuordnung der ungarisch-sowjetischen und der ungarisch-jugoslawischen Beziehungen auf politischem, wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet auf der Basis völliger politischer und wirtschaftlicher Gleichheit und der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten des einen durch den anderen.
  7. Wir fordern eine völlige Neuorganisation des Wirtschaftslebens von Ungarn unter der Leitung von Fachleuten. Das gesamte, auf Planung beruhende Wirtschaftssystem muss im Licht der in Ungarn herrschenden Bedingungen und der lebenswichtigen Interessen des ungarischen Volkes überprüft werden.
  8. Die Vereinbarungen über unseren Außenhandel und der genaue Gesamtbetrag der Reparationen, die niemals bezahlt werden können, müssen veröffentlicht werden. Wir fordern genaue und zutreffende Informationen über die Uranvorkommen in unserem Land, über deren Ausbeutung und über die den Russen auf diesem Gebiet gewährten Konzessionen. Wir fordern für Ungarn das Recht, sein Uran frei zum Weltmarktpreis zu verkaufen, um harte Devisen zu erhalten.
  9. Wir fordern eine vollständige Revision der in der Industrie geltenden Normen und eine alsbaldige und radikale Anpassung der Löhne an die berechtigten Bedürfnisse der Arbeiter und Intellektuellen. Wir fordern, dass für Arbeiten ein zum Lebensunterhalt ausreichender Mindestlohn festgesetzt wird.
  10. Wir fordern, dass das Verteilungssystem auf einer neuen Basis organisiert wird und die landwirtschaftlichen Produkte rationell genutzt werden. Wir fordern für Einzelbauern Gleichheit in der Behandlung.
  11. Wir fordern die Revision aller politischen und Wirtschaftsprozesse durch unabhängige Gerichte sowie die Freilassung und Rehabilitierung der Unschuldigen. Wir fordern die unverzügliche Rückführung der Kriegsgefangenen und Zivildeportierten aus der Sowjetunion, einschließlich der außerhalb Ungarns verurteilten Strafgefangenen.
  12. Wir fordern bedingungslose Meinungs- und Redefreiheit sowie Freiheit für Presse und Rundfunk, dazu die Gründung einer neuen Tageszeitung für die Organisation der MEFESZ.
  13. Wir fordern, dass das Stalindenkmal, Symbol der stalinistischen Tyrannei und politischen Unterdrückung, so schnell wie möglich entfernt und durch ein Denkmal zur Erinnerung an die gemarterten Freiheitskämpfer von 1848/49 ersetzt wird.
  14. Wir fordern die Ersetzung der dem ungarischen Volk fremden Embleme durch das alte ungarische Kossuth-Wappen. Wir fordern für die ungarische Armee neue, unseren Traditionen entsprechende Uniformen. Wir fordern, dass der 15. März zum nationalen Feiertag und der 6. Oktober zum Volkstrauertag erklärt werden, an denen die Schulen geschlossen bleiben. Die Studenten der Technischen Hochschule Budapest erklären einstimmig ihre Solidarität mit den Bestrebungen der Arbeiter und Studenten von Warschau und ganz Polen nach nationaler Unabhängigkeit.

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Das von mir überarbeitete Vorwort schrieb Marc Somssich, Rezensent bei Amazon, bezogen auf „Tagebuch eines ungarischen Studenten“, Budapest 16.10. – 01.11.1956, gebundene Ausgabe von 1957, welches in fast jeder Bibliothek einsehbar ist.

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