Hiroschima: Der Blick in die explodierende Bombe

Ein Augenzeugenbericht

Redaktion: Martin Schnakenberg

Helmut Erlinghagen (1915 – 1987) gehörte seit 1935 dem Jesuitenorden an, erhielt 1945 die Priesterweihe und lehrte nach einem Philosophiestudium in den USA seit 1953 in Japan Ethik. Von 1937 bis 1970 lebte er vorwiegend in Japan. 1971 kehrte er nach Deutschland zurück. Erlinghagen hielt sich am 6. August 1945 in Hiroschima auf und gab im Jahre 1982 das Buch „Hiroschima und wir“ mit Augenzeugenberichten heraus.

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Gerüchte über die unmittelbar bevorstehende Bombardierung Hiroschimas hatten in den letzten Wochen zugenommen. Auch war hin und wieder von einer Spezialbombe die Rede, die Hiroschima zerstören sollte. Doch wir glaubten nicht an eine unmittelbare Gefahr. Uns bedrückten vor allem die Nachrichten von der furchtbaren Zerstörung Deutschlands und die Sorge um unsere Angehörigen, von denen schon lange kein Lebenszeichen zu uns vorgedrungen war. Ich überlegte seit einiger Zeit, die „Blauen Bücher“ des Verlags Langewiesche aus der kirchlichen Bibliothek in der Stadt hierher nach Nagatsuka zu holen, um zumindest eine Erinnerung an das untergegangene Deutschland zu bewahren. Denn dass der Bombardierung eine verheerende Brandkatastrophe folgen würde, schien uns gewiss.

Am Morgen des 6. August hatte es um sieben Uhr Bombenalarm gegeben, doch gegen acht Uhr wurde der Alarm wieder abgeblasen. Ich überlegte, mit dem Fahrrad in die Stadt zu radeln, um die Bücher zu holen, aber irgendwie war ich unschlüssig. So versuchte ich, mich auf die noch ungewohnte Lesung des Breviers zu konzentrieren, als ich plötzlich den Motorenlärm eines Flugzeuges hörte. Barfuß, das Gebetbuch in der Hand, lief ich zum Fenster, aus dem ich nach Süden zur Stadt hinunter blicken konnte. Ich konnte kein Flugzeug entdecken. Unten im Garten sah ich einen Mitstudenten, der sich mit koreanischen Kindern aus der benachbarten Barackensiedlung unterhielt. „Siehst du etwas?“, rief ich hinunter. „Nein. Dem Geräusch nach muss es eine Boeing 29 sein.“ „Ja. Sie muss irgendwo dort sein.“ Ich streckte meinen Arm in Richtung Hiroschima.

In diesem Moment, es war inzwischen 8:15 Uhr, blitzte ein riesiges Licht über dem Zentrum auf, doch im gleichen Augenblick hatte ich das Gefühl, das Licht, hundertmal stärker als die Sonne, sei über und um mich. Ein greller Lichtschein, ähnlich dem Magnesiumlicht, das man früher bei Blitzlichtaufnahmen benutzte, gelblichweiß und gleißend, erfüllte alles. Geblendet wich ich zurück. Plötzlich fühlte ich eine starke Hitze und warf mich entsetzt auf den Boden unmittelbar vor dem Fenster, wie wir es oft in Gedanken trainiert hatten. Ich lag vielleicht zwei oder drei Sekunden da, als es fürchterlich knallte. Mein Zimmer und das ganze Haus wurden erschüttert. Ich war über und über mit Glassplittern, Holzstücken und aus den Wänden gerissenen Lehmbrocken bedeckt. Ich kroch unter den Schreibtisch und betete. Das ist das Ende, dachte ich und wartete auf den Gnadentod. Doch nichts geschah.

Die Decken im Korridor bogen sich und drohten jeden Moment herab zu stürzen. Wir gingen hinaus und sahen, dass die ganze südliche Hausfront zerstört war. Alle Fenster waren heraus gebrochen, tausende von Möbelsplittern nach draußen geflogen. Überall auf dem Rasen lagen zerbrochene Dachziegeln, drei Pfeiler der Kirche waren zerstört. Doch die Grundstruktur des Gebäudes war erhalten geblieben. „Wo ist der Bombeneinschlag?“ fragten wir immer wieder, aber nirgends war ein Bombenkrater zu entdecken. Wir suchten überall – kein Anhaltspunkt. Wie konnte das sein? Das ganze Haus mit einem Schlag demoliert und nirgends ein Bombentrichter. Das muss eine besondere Bombe gewesen sein, vermuteten einige.

Gegen zehn Uhr wurde der Himmel nicht nur über der Stadt, sondern auch über uns merkwürdig dunkel. Bald fielen schwere Regentropfen, die voll von Schmutz – offenbar Rauch und Asche – waren. Von der ganz ungewöhnlichen Dunkelheit zur Mittagszeit eines Hochsommertages beunruhigt, machten wir uns auf den Heimweg. Inzwischen strömten immer mehr Menschen vom nördlichen Teil der Stadt über die Dämme, die sich entlang der regulierten Bäche der Reisfelder befanden. Zuerst fanden nur einige der Ausgebombten den Weg zu uns, aber bald waren es so viele, dass wir nicht mehr wussten, wie wir sie alle unterbringen sollten. Ich war gerade dabei, Notunterkünfte anzuweisen, als eine Nachbarin aus dem Tal herangestürzt kam und uns dringend um Hilfe bat.

Einige von uns waren schon zur Hauptverkehrsstraße geeilt, die etwa zehn Minuten vom Hause entfernt von Hiroschima nach Norden führte, um dort zu helfen. So machte ich mich allein auf den Weg zur Nachbarin. Es war meine erste Begegnung mit den Schrecken der Verwundeten. In ihrem Haus lagen sie dicht nebeneinander, Körper an Körper. Aber der Zustrom ließ nicht nach, sondern wuchs stetig an. Es kamen immer neue, meistens in geschlossenen Reihen von sieben bis acht Personen, vorwiegend Frauen, die am Kopf und im Gesicht so verbrannt waren, dass die Brandblasen sie völlig unkenntlich machten. Die oberste Haut war verletzt und abgerissen, der Kopf ballonrund aufgedunsen. Aus dem geschwollenen Mund hing oft die aufgeblähte Zunge heraus. In den grässlichsten Farben, rot, violett oder graubraun von Schmutz und Staub, erschienen sie vor uns. Viele von ihnen konnten wegen der geschwollenen Fleischteile im Gesicht nicht mehr sehen, sie hielten deshalb in Gruppen Tuchfühlung zueinander, indem sie gegenseitig die Hände auf die Schultern legten oder die Arme einhakten. In ihrem großen Leid halfen sich die Verletzten gegenseitig, niemand – es waren meist, wie gesagt, Frauen – wurde allein gelassen.

Die Nachbarin erfasste die Größe der Not so wenig wie ich. Sie bat mich dringend, dass ich eine verletzte Frau zum Arzt bringen sollte, weil sie offensichtlich ohne Bewusstsein sei und jederzeit sterben könne. Es war wohl ein typischer Fall, wie er in jeder Katastrophe geschieht. Jeder erfasst nur das, was unmittelbar um ihn herum passiert, und glaubt, er müsse da unbedingt helfen. Sie bot mir ihren Riaka, einen zweirädrigen Wagen mit einem kistenartigen Aufsatz und einer Deichsel zum Ziehen oder Schieben, an. Wir luden die verletzte Frau vorsichtig hinein. Ich bat einen etwa elfjährigen Schüler, der nur verdattert in all dem Unglück herumstand, mitzukommen. Fast musste ich ihn zwingen, mit anzufassen, indem ich ihn darauf hinwies, dass es doch eine Japanerin sei, die in Todesgefahr schwebe. Mit abgewandtem Gesicht half er mir beim Schieben des Riaka.

Endlich erreichten wir eine Rettungsstation, die in einem buddhistischen Tempel untergebracht war, die auch als Volksschule genutzt wurde. Wir trugen die Verletzte in den ersten Stock, und ich bat den Arzt, doch zu kommen, um sich ihrer anzunehmen. Er schaute mich ganz müde und erstaunt an und wies mit der Hand in den großen Schulraum: „Sehen Sie denn nicht, dass hier Hunderte von Verletzten und Sterbenden liegen?“ Erst jetzt wurde mir klar, dass er ja unmöglich nur meiner Verletzten helfen konnte. Ich ließ die Frau, an der es außer den Kopfhaaren und einem Gürtel aus Stoff um die Hüften nichts gab, wo man sie überhaupt anfassen konnte, in dem Schulraum zurück. Als ich hinausging, sah ich, dass die gesamte Schule voll von Verletzten, Sterbenden und Toten war.

Ich erinnere mich an ein junges Mädchen, das beim Anblick ihrer an Gesicht und Körper furchtbar verstümmelten Mutter und der dicht gedrängten Menge von Verletzten nicht mit auf den Lastwagen wollte. Die Mutter, schon oben, gab ihr Zeichen, versuchte sie zu rufen, doch Mund und Zunge waren so geschwollen, dass nur unartikulierte Laute herauskamen. Schließlich packte einer der Sanitäter das entsetzte Mädchen und warf sie auf den bereits fahrenden Anhänger.

Es war bereits kurz vor acht Uhr abends, als ich schließlich heimging. Anders als sonst war in den meisten Häusern trotz der Sicherheitsvorschriften Licht. Auf dem Krematoriumsplatz, etwa zweihundert Meter von unserem Haus entfernt, brannten mehrere Feuer. Jeder Bestattungsplatz bestand nur aus einem einfachen Loch, groß genug, um etwas Holz und die Reste der Toten hineinzutun. Auch überall an den Hängen ringsum brannten, so weit ich blicken konnte, Bestattungsfeuer von demselben entsetzlichen Gelbbraun. Die Bauernhöfe zwischen Noviziat und Stadt loderten immer noch. Und die Stadt selbst: Feuer, überall Feuer, soweit ich sehen konnte.

Im Haus erfuhr ich, dass am Nachmittag Takemoto-san, ein japanischer Student, der in der Zentrale von Noboricho im Stadtinnern wohnte, völlig verstört angekommen sei und die Nachricht von der totalen Zerstörung Hiroschimas gebracht habe. Die Insassen der Zentrale seien in höchster Lebensgefahr in den Asano-Park geflohen, aber auch der brenne. Takemoto-san sei sofort wieder mit einer Gruppe von Mitstudenten in den Asano-Park zurück gegangen. Der Professor, der auch am Vormittag mit mir gegangen war, und ich machten uns noch einmal auf den Weg, um den anderen notfalls zu helfen. Inzwischen war es stockdunkel geworden, nur von der Stadt brannte orangeviolett das Feuer…

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Quelle: Helmut Erlinghagen: Hiroshima und wir. Augenzeugenberichte und Perspektiven. Fischer TB, Frankfurt am Main 1984, ISBN 3-596-24236-3, inzwischen vergriffen und nur noch in den städt. Bibliotheken öffentlich erhältlich.

Weitere Informationen: Wikipedia. Dort auch weitere Literatur-Hinweise.

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