Taler, Taler, du musst wandern …

Geschichte einer Weltwährung

Von Martin Schnakenberg

Ende 1507 zog Jakob Fugger wieder einmal Jahresbilanz: 350.000 Goldgulden Reingewinn! Eine ungeheure Summe für damalige Zeiten, die nach Vergleichen verlangt: Ein Handwerksmeister erhielt damals einen Tageslohn von etwa 30 Pfennig; 200 Pfennig wiederum entsprachen einem Goldgulden. Berücksichtigt man die damals höhere Kaufkraft – ein Goldgulden ist mit rund 20 Euro anzusetzen – kommt man auf ein prächtiges Jahressaldo von 7 Millionen Euro. Auch für ein heutiges Unternehmen ein stolzer Profit.

Doch der Wert hörte sich gewaltiger an als er war. Seit Mitte des 15. Jahrhunderts mussten die Menschen feststellen, dass sowohl die Preise wie die Löhne kräftig anstiegen. Die schleichende Inflation lastete man allenthalben den „Monopolisten“, sprich den großen Handelshäusern, den „Heuschrecken der Neuzeit“ an. Diese mochten daran mitschuldig sein, die Hauptursache lag aber in der deutlichen Steigerung der Silberproduktion durch verbesserte Abbaumethoden. Die Menge an Münzgold blieb dagegen weitgehend gleich, was die Wertverhältnisse der Edelmetalle zueinander verschob: der Goldgulden verlor an Wert.

So bricht denn um 1500, der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit, auch in der Münzgeschichte eine neue Ära an: die des Talers. Als Großsilbermünze des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation sollte sie, mit verschiedenen numismatischen Veränderungen, über einen Zeitraum von annähernd 400 Jahren geprägt werden und trat in dieser Zeit einen beispiellosen Siegeszug an, und dass nicht nur in Deutschland und Europa, sondern weit darüber hinaus: Der Taler wurde zu ersten Weltwährung.

Die neue Münzzeit brach in Tirol an. Die in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts erheblich gestiegene Silberausbeute der Münzstätte Hall bei Schwaz im Inntal veranlasste den Landesherrn Herzog Sigismund von Tirol (1439-1496) im Jahre 1484 erstmals den Gegenwert eines halben Guldens in Silber auszuprägen. 1486 erfolgte, als krönender Abschluss einer „großen Münzreform“, die Ausgabe einer doppelt so schweren Silbermünze mit einem Feingewicht von 29,93 Gramm. Da die neue Münze im Wert einem Goldgulden entsprach, wurde sie „Guldiner“ genannt. Alsbald gab die Bevölkerung ihrem Fürsten den Beinamen „der Münzreiche“.

Schon zwei Jahre später ist in einem anderen deutschen Land, im Herzogtum Lothringen, ebenfalls ein Guldiner geprägt worden, dem weitere so genannte Inkunabeltaler 1493 in Bern und 1498 im Bistum Sitten folgten, bevor im Jahr 1500 mit der Sächsischen Münzreform der „Guldengroschen“ entstand, welcher der Münze durch seine massenhafte Ausprägung zum numismatischen „Durchbruch“ verhalf. Im Volksmund sind die Guldengroschen „Klappmützen-Taler“ genannt worden ob der charakteristischen Kopfbedeckung der auf den Rückseiten abgebildeten Herzöge Albrecht bzw. Johann und Georg; die Vorderseite zierte das Porträt Kurfürst Friedrich III., des Weisen (1486-1525).

Die „Namenstaufe“ der Münze erfolgte Anfang des 16. Jahrhunderts. 1519 begannen die Grafen Schlick im böhmischen Joachimsthal (heute das tschechische Jachymov) das Silber ihrer Erzgebirgsgruben millionenfach in Guldengroschen nach dem Münzfuß der sächsischen Klappmützen-Taler zu „vermünzen“, die nach dem Prägeort seit etwa 1525 als „Joachimsthaler“ und später kurz als „Thaler“ bezeichnet wurden. Die Joachimsthaler zeigten auf der Vorderseite den Hl. Joachim aus dem Familienwappen der Schlicks, die Rückseite gab das Symbol des Landes wider, den doppelschwänzigen böhmischen Löwen.

Der „güldene“ Gulden wurde noch bis in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts mit einem Goldgehalt von 2,5 Gramm regelmäßig geprägt. Die rheinischen Fürsten ließen z. B. von 1503 bis 1513 im Jahresdurchschnitt immerhin noch 200 Kilogramm Gold zu Goldgulden prägen. Das entsprach einer Stückzahl von etwa 80 000 Münzen jährlich – konnten sich damit aber mit den in vielfach höherer Auflage geprägten neuen silbernen Guldengroschen bzw. Talern nicht mehr messen.

So verlor der Goldgulden im 16. Jahrhundert seine Vorherrschaft als wichtigste Münze für den Groß- und Fernhandel. So stellten denn auch die Fugger, Welser und andere Handelshäuser ihre Buchhaltung auf die neue Talerwährung um.

Was die Wertstellung und Verbreitung des Talers betraf, so erlangten für ihn und das gesamte deutsche Münzwesen die verschiedenen Münzordnungen des 16. Jahrhunderts hohe Bedeutung. Es begann mit der Einteilung des Reiches in zehn Reichskreise, wie sie der Wormser Reichstag von 1521 beschloss. Geprägt werden sollte demnach nur in den eigens dafür festgelegten Kreismünzstätten, doch konnte man die Münzherstellung in den illegal daneben bestehenden so genannten Heckenmünzen nie ganz unterbinden.

Während die „Münzvereine“ des Spätmittelalters zumindest zeitweise auf regionaler Ebene einheitliche Münzen und Währungsräume hatten schaffen können, versuchten Kaiser und Reich wiederholt auch auf Reichsebene für gemeinsame Geldsorten zu sorgen – meist mit mäßigem Erfolg.

Erst 1566 bekam der Taler nach einem Beschluss des Reichstages zu Augsburg die Bezeichnung „Reichstaler“, im Feingewicht von 25,98 Gramm. Unter diesem Namen blieb er trotz aller Münzwirren bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts als Währungsmünze bzw. Rechnungseinheit bestehen. Am 24. Januar 1857 schließlich beschloss der Deutsch-Österreichische Münzverein eine gemeinsame Währung für den Deutschen Bund, den „Vereinstaler“. Der Vertrag wurde von allen deutschen Staaten mit Ausnahme der drei Hansestädte Hamburg, Bremen und Lübeck ratifiziert.

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Preussischer Vereinstaler von 1866

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Das Ende der Talerwährung kam mit der deutschen Reichsgründung 1871. Jetzt wurde die Mark die neue Reichswährung, doch blieb der „Vereinstaler“ bis 1907 kursgültige Münze mit einem Nominalwert von drei Mark. In dem besagten Zeitraum stellten die Vereinstaler ein Kuriosum innerhalb der goldgedeckten Währung des Kaiserreiches dar: Die Vereinstaler waren nämlich die einzigen Silbermünzen, für die eine unbegrenzte Annahmeverpflichtung bei Zahlungen aller Art bestand. Drei-Mark-Stücke sind übrigens bis zum Ende der Weimarer Republik geprägt worden. Aus diesem Umstand resultierte die noch für viele Jahrzehnte nach der formalen Außerkraftsetzung des Talers umgangssprachlich beibehaltene synonyme Verwendung des Begriffs „Taler“ für drei Mark.

Damit war die „Karriere“ des Talers aber noch nicht beendet, ganz im Gegenteil. Der Name war wegen seines Siegeszuges im einstigen römisch-deutschen Reich für bestimmte Geldstücke in sprachlicher Abwandlung in einer Vielzahl von Ländern der Neuzeit gebräuchlich gewesen: so in den Niederlanden als „Daalder“, als „Tallero“ in Italien, als „Talar“ in Polen oder als „Jocondale“ in Frankreich.

Und mit dem amerikanischen „Dollar“ wurde der Taler dann wirklich Weltwährung: Britische Kolonisten brachten den Begriff in die Neue Welt, wurde doch die seit Mitte des 16. Jahrhunderts in England ausgeprägte Taler-Münze, die Crown, im Volksmund als „Dollar“ bezeichnet. Mit dem jeweiligen Staatsnamen verbunden trat der Dollar dann im globalen Kolonialzug der Europäer seine Verbreitung über alle Kontinente an: vom Australien-Dollar über den Kanada-Dollar zum Simbabwe-Dollar. Und in West-Samoa heißt die Währung immer noch „Tala“: es ist der letzte „Nicht-Dollar-Taler“, nachdem der slowenische „Tolar“ im Zuge der EU-Mitgliedschaft dem Euro weichen musste.

Aber es regt sich regionaler Widerstand. Gewitzte Gewerbevereine, Kulturvereine, aber auch Regionen, Kreise, Städte und Gemeinden haben einen neuen Wert im Taler erkannt: nämlich den historischen und den Heimatwert und dazu den Wert für den Fremdenverkehr. Und so entstanden u.a. der Donautaler, der Rheintaler, der Ahrtaler und viele weitere Taler zum Einkaufen, zum Sammeln und zum Verschenken. Eine wunderbare Idee macht Furore.

Fürwahr: Der alte (Joachims-) Taler ist in einem halben Jahrtausend weit gewandert.

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Weitere Hinweise:

http://de.wikipedia.org/wiki/Taler

http://de.wikipedia.org/wiki/Vereinstaler

http://www.rheintaler.net/de/

http://www.hallstadt-taler.de/index.html

…und viele weitere – bei Forestle den Suchbegriff „Taler“ eingeben…

Alle weiteren Daten sind der TimeLife-Buchreihe „Spektrum der Weltgeschichte“ entnommen.

 

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