1965/2011 – Realität/Fiktion. Dazwischen liegen nur 45 Jahre…

Erlebnisse zweier 11-jähriger Jungen

Von Martin Schnakenberg

[Weihnachten Anno 1965] Es ist still geworden im Augarten-Palais, dem Domizil der Wiener Sängerknaben. Der 5. Dezember ist nämlich der Tag, wo die letzten Prüfungen des Schuljahres stattfinden, bevor es in die langen Weihnachtsferien geht. Alles brütet schweigend über den unmöglichen Fragen – Mathe, Geschichte, Erdkunde, Naturkunde, Deutsch… – Und wenn die schriftlichen Aufgaben fertig sind, kommt die mündliche Prüfung. Es ist manchmal verflixt, wie einem die einfachsten Antworten zu den einfachsten Fragen nicht einfallen.

Morgen am 6. Dezember kommt der Weihnachtsmann ins Schloss, wo wir Sängerknaben wohnen, lernen und Musikunterricht erhalten. Der Direktor wird eine Ansprache halten, wie brav wir doch immer wieder waren und wie erfolgreich die diesjährigen Tourneen, die nach Indien und Australien führten – zusätzlich die grandiosen Gastauftritte beim Papst in Rom, beim Empfang der Botschafter in der Hofburg und beim großen Konzert mit mehreren berühmten Opernstars.

Unser Leben hier in Wien ist absolut kostenlos und wunderbar, sogar romantisch. Denn die Wiener Sängerknaben sind auf der ganzen Welt beliebt und jeder wartet in irgendeinem Winkel der Erde darauf, dass wir kommen und singen. Dafür bekommt der Verein dann Geld, sodaß er sich durch unser aller Arbeit selber tragen kann. Naja, wir sind nicht zuhause, wie andere Jungs. Aber dafür haben wir in dem großen Schloss im Zentrum von Wien, umgeben von einem Wald und einem großen Park, auch alle Freiheiten, die man sich vorstellen kann. Wir haben ein eigenes großes Schwimmbecken, eine Turnhalle, einen Bolzplatz. Und das Essen aus der eigenen Küche wird mit viel Liebe zubereitet und schmeckt fast so gut wie bei Mutter zuhause. Heimweh hatte ich nur zu Anfang, dann überwog die Musik das ganze Geschehen … und natürlich das Zusammensein mit anderen Jungs in einem Gemäuer, wo es immer wieder was geheimnisvolles zu entdecken gibt.

Jetzt ist die Prüfung vorbei, der Weihnachtsmann (es war mit Sicherheit unser Kapellmeister des Schubertchores) ist gerade eben da gewesen und es geht ans Packen. Denn ich fahre mal wieder nach Hause. Eine endlos lange Zugfahrt liegt zwischen Wien und Zuhause. Aber ich freue mich schon darauf. Denn die Adventszeit bei meinen Eltern zu erleben, ist das Schönste, was es gibt. Noch schöner als die Zeit im Internat im Augarten-Palais in Wien. Ich habe die Noten für mein Trompetensolo im Posaunenchor meines Vaters sehr gut einstudiert. Er wird sich freuen können, wenn ich es bei „Tochter Zion“ spielen werde.

Der Zug läuft in den kleinen Dorfbahnhof ein. Meine Eltern warten schon und ich werde mit Umarmungen und feuchten Küssen empfangen. Im Dorf ist es heimelig und sehr adventlich geschmückt, und die Geschäfte fangen so langsam an, ihre Auslagen mit Spielzeug und mit Schokoladen-Weihnachtsmänner auszustatten. – Zuhause basteln wir Weihnachtssterne für den Christbaum und singen Adventslieder. Draußen fängt es an zu schneien und keine vier Pferde können mich davon abhalten, den Schlitten raus zu holen, mit anderen Kindern zusammen eine Schanze zu bauen, wo wir dann jodelnd herunter rasen. Eine Schneeballschlacht darf natürlich auch nicht fehlen…

Am Heiligen Abend ist dann der große Moment. Mit meinen Eltern gehe ich zur Kirche, mein Vater und ich aber zur Empore, wo schon der Posaunenchor sitzt und ich … ich spiele mit meiner Trompete das schönste Solo meines Lebens.

Wieder zuhause gibt es zuerst einmal Kartoffelsalat mit Würstchen und Kotelett und dann verschwindet Vater plötzlich, um nachzuschauen, ob der Weihnachtsmann schon da gewesen ist. Dann darf ich ebenfalls in die Wohnstube, die jetzt zum Weihnachtszimmer geworden ist. Ich singe meinen schönsten Sopran bei „Oh du fröhliche“, wie ich es in Wien gelernt habe … und dann ist Bescherung. Endlich bekomme ich die Eisenbahn, die ich mir gewünscht hatte. Mein Vater hat die Häuser und die Bäume in seiner kargen Freizeit alle selber geschnitzt. Aber genau das macht die Eisenbahn zu einem wahren Erlebnis. Es ist wunderschön, heute ein Kind zu sein.

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[Weihnachten Anno 2011] Es ist noch Hochsommer und die letzten Urlauber der First-Class, die dort oben auf dem Villenhügel wohnen, sind noch nicht aus den Gegenden zurück, die für uns inzwischen unerreichbar geworden sind. Überall um uns herum sieht man schon, wie die Geschäfte gefüllt werden mit Weihnachtsmänner und digitalen Spielzeugen, die mich nicht interessieren dürfen. Denn schon im letzten Jahr wurden meine Eltern arbeitslos und sind jetzt auf Hartz V, welches mal Bürgergeld genannt wurde. Meine Schwester ist Anfang des Jahres an Tuberkulose gestorben, weil wir uns das Geld für einen Arzt und erst recht nicht für ein Krankenhaus leisten konnten. Die Kopfpauschale, von der damaligen FDP erdacht, hat uns endgültig arm gemacht. Mein Großvater, der im letzten Jahr noch auf Rente war, durfte zwar noch bei einem Banker da oben auf dem Hügel täglich das Clo putzen, um einen Euro für den Bus nach Hause zu bekommen, aber jetzt liegt er auch krank auf der Notliege. Mutter und Vater überlegen schon, wie sie ihn am besten schnell entsorgen können, damit er nicht mehr soviel Geld kostet. Opa meinte, sie sollten ihn einfach an der Autobahn absetzen, so wie früher die Hunde. Dann würde man ihn vielleicht finden und in eines dieser neuen Lager für Sozialschmarotzer stecken. Aber Vater meinte, wir hätten ja kein Auto, und ihn mit der Handkarre dort hinschleppen, würde doch zu sehr auffallen, auch wenn das inzwischen viele tun.

Überhaupt meint Vater, ich sollte mich am besten bei der Bundeswehr freiwillig melden – oder noch besser für eine der Söldnertruppen der Deutschen Bank oder Kriegsgerätehersteller wie Krauss-Maffei Wegmann. Die hätten immer Arbeit in den vielen Kriegsgebieten, wo es um die Sicherung der Demokratie und der Rohstoffe geht. Denn das deutsche Kapital muss ja schließlich in der ganzen Welt verteidigt werden. Und vielleicht hätte ich da ja noch die Chance, wenn ich genügend Nichtdeutsche abgeknallt habe, einen Verdienstorden zu erhalten. Als Verteidiger des deutsch/USAnischen Reichtums und Bewahrer des kapitalistischen Friedens.

Ich bin nicht so sehr damit einverstanden, obwohl ja Kindersoldaten überall rekrutiert werden. Aber ich bin ja schon 11 Jahre und ich kann in meinem Alter schon in den Strahlengruben der Atomkraftwerke arbeiten. ASSE 11 würde mich interessieren. Da ist nämlich auch wieder so ein Leck und muss schnellstens gedichtet werden. Und da sind so Kleine wie ich natürlich viel besser geeignet, als so große Erwachsene.

Natürlich muss ich mich jetzt beeilen mit meiner Entscheidung, denn in vier Monaten ist ja Weihnachten. Und dann hat jeder Bürger das demokratische Recht zu wählen. Er kann dann wählen zwischen dem Lager, einem Weihnachtsgeschenk oder dazubleiben, wo er ist. – Das Lager ist weit außerhalb unserer Ghettostadt, dort, wo Arbeit noch frei macht. Das Weihnachtsgeschenk ist die zusätzliche Gabe der Regierung für die Firmen, die möglichst viel mit möglichst wenig Geld, und mit vielen Entlassungen, effizient gearbeitet haben, also so eine Art Christkindl-Bonus zusätzlich zum normalen Millionengehalt der Manager und Spekulanten. Und dazubleiben, wo wir sind … naja, das wünscht sich auch ja jeder. Da macht das Leben zumindest noch einen Sinn, weil man beim Betteln bei denen, die noch sozial denken, sehr viel Unterhaltung findet. Notfalls als Clown … oder so richtig als echter Sozial-Schmarotzer.

Jetzt muss ich erst einmal zu meinen Eltern, um ihnen zu sagen, dass wir jetzt kein Fleisch mehr kaufen können und auch das Wort Fleisch nicht mehr benutzen dürfen. Denn der US-Agrarmulti Monsanto hat jetzt ja ein Patent auf Fleisch. Alle wissen ja, dass die Schweine mit genmanipuliertem Futter dieser Firma gemästet werden und deshalb das Fleisch urheberrechtlich für Monsanto geschützt ist. Genauso wie für das Brot, was demnächst als Patent dieser Firma gilt.

Ach was, ich sag meinen Eltern einfach, wir sollen uns mit Opa zusammen an die Autobahnbrücke legen. Dann sind wir alle zusammen und feiern Weihnachten. Vielleicht findet uns ja jemand und … feiert einfach mit. – Auf jeden Fall ist es schön, in dieser Zeit ein Kind zu sein. Da kann man noch so richtig phantastisch gute Ideen entwickeln, wie man den Reichen entgeht, ohne gleich als Terrorist angesehen zu werden.

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War das wirklich eine Satire?

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Nachtrag:

Siehe Tuefflers Meinungs-Blog: http://tueffler123.wordpress.com/2010/04/28/helle-panik-um-hellas/

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6 Kommentare

  1. Nein, das ist keine Satire mehr. Dein Nachtrag von Tüfflers Blog beweist es. Ich bin echt schockiert. Dabei hatte ich heute Mittag noch einen anderen Artikel dazu veröffentlicht:
    http://zavablog.wordpress.com/2010/04/27/finanzhilfe-fur-athen-ja-aber/

    Gruß

  2. Britta aus Gera

     /  27. April 2010

    Ich finde auch, dass das keine Satire mehr ist. Vielen in Deutschland geht es dank der Zocker schon heute so. Und da ist so ein Vergleich, wie Du ihn gemacht hast, nicht nur hilf-, sondern sogar lehrreich.

    Ich bin in den 1980er Jahren aufgewachsen, habe aber schon Anfang 2000 gemerkt, wo das hinführt mit der Globalisierung. Hätten wir alle aber geahnt, dass es so schlimm werden würde, hätten wir sicher schon damals protestiert. Oder nicht?

    Denn die BLÖD-Zeitung und auch die Tagesschau und heute-aktuell haben uns ja immer wieder die heile Welt vorgegaukelt. Vielleicht wäre es auch sonst soweit gekommen, wie es ist, ich weiß es nicht.

    Ich kann mir auch total nicht vorstellen, wie jemand so skrupellos sein kann und sich einen Teufel schert um andere Menschen, stattdessen immer weiter zockt und zockt und zockt, bis es irgendwann nichts mehr zum zocken gibt und die Welt am Boden zerstört ist.

    Solche Menschen sind nicht nur Teufel, sondern sie sind in ihrer Seele krank. So krank, dass sie noch nicht mal merken, was in ihrer Umgebung vorgeht. Solche Psychopathen muss man dringends aus dem Verkehr ziehen. Sie sind der Untergang unserer Zivilisation.

    Gruß von Britta aus Gera.

  3. Ein Freund sagte zu mir letzte Woche, nachdem wir über einen Satiriker gesprochen haben…… „Vieles ist gute Satire, aber eigentlich kein Spaß mehr“

    Ich denke, das passt auch zu deinem sehr gut gelungenen Text!

    • Ein Freund

       /  28. April 2010

      Ja. Und dieser Satz „Vieles ist gute Satire, aber eigentlich kein Spaß mehr“ kann ergänzt werden mit „…weil Satire heute blanke Realität ist!“.

      Ich liebe die Satiren vom Muskelkater, weil sie genau das auf besondere Art und Weise ansprechen, was einem berührt. Er hat es drauf, die Menschen auf eine andere und ganz besondere Art und Weise aufzurütteln, indem er ihnen genau das zeigt, wie sie sind. Ähnlich wie der Eulenspiegel, der den Menschen auch immer ihr Spiegelbild vorgehalten hat.

      Ich wünschte mir, noch viel mehr Menschen würden eure Blogs lesen, denn auch du, Marty, bist mit deinem Blog immer mit der Wahrheit dran.

      Euer Netzwerk ist echt klasse. Bitte macht weiter so. Lasst uns nicht alleine. Wir brauchen draußen auf der Straße solche Leute/Blogger wie ihr es seid.

      Gruß,
      ein Freund

  4. Damals…, als die letzten grösseren Familien noch beisammen waren, und es noch keine Sozialhilfe wie später gab… so einige Jahre nach dem Krieg, als ich ein kleines Kind war, da war mein Vater eine Weile sehr krank. Ausgesteuert, die Mama war die einige die verdiente, die Rente der Oma war damals sehr klein. Und doch – ich wurde miteinbezogen, in dem Sinne, dass ich durch Verzicht auf manche Dinge dazu beitragen konnte, dass wir nicht zum Amt mussten,- dass wir auf eigene Kraft überlebten.
    Und doch gab es manche Überraschung – am Geburtstag ein schönes Buch von einer Mitbewohnerin, und einen Schirm von der Nachbarin.
    Danach war die Krankheit dann überstanden, und es ging wieder bergauf.
    Und heute? Kann einer sagen, dass es wirklich bergauf geht,- dass er eine Chance hat?

    Dass es keiner richtig wahrhaben wollte, liegt daran, dass alle verinnerlicht hatten: Nie wieder. Es kam ja auch ganz anders daher, nicht so laut und krachend wie damals. Und alles das Gute, das wir auch erreicht hatten, verkehrte sich dann in Schlechtes – das war schlau gemacht.

    Nein, Science Fiction ist das nicht mehr so sehr. Ich könnte mir zwar eine Behandlung noch erlauben, aber keiner will sich darauf einlassen. Die Ärzte reden sich heraus, darum herum, und alles Mögliche – nur nichts tun müssen,- es kostet Geld. Und in meinem Fall haben sie es ja einfach, es ist eine ziemlich unbekannte Krankheit – die Frau des Bundespräsidenten setzt sich zwar für solche Leute ein, aber ich merke nichts davon.

    Dabei habe ich es noch gut – überwiegend nur schmerzhaft, nur lästig, diese Krankheit, und ansonsten nicht sonderlich gefährlich… Also, versuche ich eben irgendwie durchzukommen, zu überleben damit, so gut es eben geht.

  1. Gastbeitrag Muskelkater: 1965/2011 – Realität/Fiktion. Dazwischen liegen nur 65 Jahre « Der AmSeL-Gedanke Plus = Gemeinschaft
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