Hinterm Horizont geht’s weiter

Alles hat einmal ein Ende, auch so ein Wahl-»Kampf«. Der Wähler ist erschöpft. Er ist gedemütigt vom Zwangsanblick der Millionen Propagandaplakate mit dem Staubsaugervertreter-Grinsen politischer Pappnasen, die einen Tsunami von nicht näher definierten Wohltaten ankündigten, die sie uns bei gutem Willen längst hätten erweisen können.

Schon lange vor dem Termin standen die Wahlsieger fest. Stärkste der Partei’n wurden die Nichtwähler. Die SPD hat gar nicht stattgefunden. Gibt es sie denn überhaupt noch und wenn ja, warum? Ronald Pofalla war ursprünglich fest davon überzeugt, die CDU werde die 38 Prozent des Nordhäuser Doppelkorns locker übertreffen, verfehlte aber mit 27,5 Prozent gründlich sein CDU-Wahlziel, von der CSU ganz zu schweigen. Zum Retter in der Not wurde Herr Guido Westerwelle von der Partei der Bestverdiener, ein für seine modische Eleganz viel bewunderter Poptitan, der die Riege der bestangezogenen deutschen Minister um den Freiherrn von und zu Guttenberg künftig verstärken wird. Die Regierung macht weiter als schwarzgelbes Bündnis, als Tigerenten- oder Biene-Maja-Koalition, wie die Radebrecher von den Medien die schöne Bescherung kindisch zu nennen belieben. Demagogie – jetzt oder nie!

Und der Wähler? Der hat seine Stimme abgegeben. Nun ist sie weg und der Wähler wieder für vier Jahre verstummt. Er hat nichts mehr zu sagen. Er ist der Souverän und kann, wenn er unbedingt möchte, lautstark gegen den Afghanistan-Krieg protestieren, die Regierung aber wird behaupten, sie wäre schwerhörig, in Bezug auf Afghanistan sogar gehörlos. Der Bundesverteidigungsminister findet Proteste ohnehin überflüssig; er als gläubiger Katholik, versichert er im »Bild«-Inter- view, bete für unsere Soldaten, und zwar regelmäßig. Ein Sparwitz, für den wir ihn nicht schelten wollen. Nach dem zermürbenden Wahlkampf pfeift selbstverständlich auch er auf dem letzten Loch. Wie das ganze politische Personal.

Ausnahme: die Kanzlerin. Mit erhobener Schwurhand erklärte sie zu Beginn der Legislaturperiode, sie werde Schaden im deutschen Volke anrichten, so wahr ihr Gott helfe. Dieses Versprechen hat sie gehalten. Und sie ahnt, dass sie dem noblen Anspruch auch in der nächsten Amtszeit genügt, wenn alles bleibt, wie es ist. Die deutschen Multimilliardäre haben sie wissen lassen, sie mache ihre Sache gut. Wie es um unsere Sache steht, kriegen wir später.

Die Kanzlerin weiß es seit langem, lässt die Katze aber noch nicht aus dem Sack. »Wir haben die Kraft«, schwadronierte sie im Wahlkampf, sagt aber lieber nicht, Kraft wofür oder wogegen. Eisern beschweigt sie ihre Absichten. Darum meinen Wohlmeinende, insgeheim könnte sie vielleicht doch bereit sein, einiges zum Besseren zu ändern. Wenn sie aber tatsächlich was ändert, dann natürlich bloß, damit alles beim Alten bleibt. Die Reichen müssen ja immer reicher werden, gell, und die Armen immer zahlreicher. Dazu gibt es keine Alternative. Alles andere wäre eine andere Republik. Sagt Angela Merkel.

Einst war sie Kohls Mädchen, inzwischen steht sie Adenauer näher. In einer stillen Stunde des Wahlkampfs eilte sie, im lila Jäckchen, an sein Grab auf dem Rhöndorfer Friedhof. Aus der Tiefe raunte der Alte von Rhöndorf ihr seine Faustregel zu: »Keine Experimente!« Unverzüglich verkündete die Kanzlerin mit Blick auf die Zeit nach der Wahl: »Wir können uns keine Experimente erlauben.«

Damit wäre alles klar. Mehr müssen wir wirklich nicht wissen, den Rest können wir uns denken. Auf gut deutsch heißt das: die Starken stärken, die Schwachen schwächen, Steuergeschenke für Bestverdiener, Studiengebühren hoch, manipulierte Arbeitslosenzahlen, Kündigungsschutz lockern, Mehrwertsteuer rauf, Niedriglöhne runter, und bei steigenden Preisen viel mehr kaufen, um »die« Wirtschaft anzukurbeln. Wie gesagt: Keine Experimente!

Bei unserer Rekordschuldenkanzlerin kommt eben doch immer wieder die gute, alte Physikerin durch …

(Quelle: Ernst Röhl vom Neuen Deutschland)

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