Satire: Vor Gebrauch bitte nachdenken

von Muskelkater

Viele Zeitgenossen können sich sicher noch an die satirische Sendungen des NDR-Rundfunks aus den 1970er Jahren erinnern, wo es um das Zwiegespräch zwischen Vater und Sohn ging. Ich habe einiger dieser köstlichen Beiträge auf MusiCassette (ja, existiert bei mir auch noch!) und habe auf deren Basis mal einen eigenen Dialog erfunden, der in die heutige Zeit und politischen Gegebenheiten sehr gut passt. Meinen eigenen Humor wird man sicherlich dabei spüren. Und ich hoffe, daß die Urheberin der Idee von „Papa, Charlie hat gesagt“, es mir nicht übelnimmt, wenn ich ihren Stil so in etwa versuche, zu imitieren. Ganz ist es mir sicher nicht gelungen, aber es war mir mal einen Versuch wert und hat mir dabei gewaltig Spaß gemacht:

Vor Gebrauch bitte nachdenken

SOHN: „Papa, Matze hat gesagt, sein Vater hat gesagt, es soll ihm ja keiner mehr mit den deutschen Sprichwörten kommen“.

VATER: „Na, das wird sich doch sicher auch machen lassen“.

SOHN: „Was?“

VATER: „Dass man ihm nicht mit Sprichwörtern allzu nahe tritt. Aber warum reagiert er denn so allergisch auf die armen alten Sprichwörter?“

SOHN: „Weil sie alle nicht stimmen“.

VATER: „Sagen wir es lieber mal so: weil sie ihm nicht in den Kram passen. Alle wird er ja wohl nicht gleich gemeint haben, oder?“

SOHN: „Ne, wahrscheinlich nicht“.

VATER: „Na siehste. Könnte mir auch nicht denken, was er gegen „Die Axt im Haus erspart den Zimmermann“ haben sollte, nur so als Beispiel“.

SOHN: „Das ist ja auch bloß so was praktisches, aber…“

VATER: „Von dieser praktischen Sorte gibt es aber sehr viele“.

SOHN: „Klaro, ich weiß ja. „Regen bringt Segen“ zum Beispiel“.

VATER: „Sich regen, mein Lieber. „Sich regen bringt Segen!“

SOHN: „Ach soooo“.

VATER: „Oder mit anderen Worten: wenn man sich anstrengt, dann kann man es auch zu etwas bringen. Der Regen alleine macht’s nicht“.

SOHN: „Anstrengung alleine aber auch nicht. Sehen wir doch dauernd im Fernsehen, wie die in Afrika oder Asien oder so, wie die da in den Müllbergen von uns leben müssen. Und die können sich anstrengen, wie sie wollen, es bringt ihnen nichts“.

VATER: „Dieses Sprichwort ist auch nicht in irgendeinem Elendsland entstanden, sondern bezieht sich auf ganz normale Verhältnisse. Und da hat es immer noch seine Gültigkeit“.

SOHN: „Muss ich glatt nochmal drüber nachdenken“.

VATER: „Tu das, mein Sohn. Ist eine gute Idee“.

Eine kleine Pause entsteht, wo der Vater zur Tür geht…

SOHN: „He Papa, wo willst du jetzt hin?“

VATER: „In den Garten. Irgendwo ist der Zaun undicht“.

SOHN: „Aber ich habe dir doch noch nicht alle Sprichwörter erzählt, die Matze’s Vater so aufregen. Und die alle nicht stimmen“.

VATER seufzend: „Also gut, machen wir einen Kompromiss. Ein Sprichwort hast du noch frei. Aber nur eines, okay?“

SOHN: „Na schön, dann nehme ich das gefährlichste“.

VATER: „Das gefährlichste?“

SOHN: „Genau. Matze’s Vater hat nämlich gesagt, das richtet überall in der Welt nur Schaden an. Aber er gibt zu, das er zwanzig Jahre dazu gebraucht hat, um das zu merken“.

VATER: „Bumm. Jetzt hast du’s geschafft. Jetzt bin ich neugierig. Also her mit diesem Sprichwort. Vielleicht kenne ich es ja noch garnicht“.

SOHN: „Klar kennst du das. Hast du mir sogar schon mal selber gesagt“.

VATER lacht: „Was? Sowas gefährliches soll ich gemacht haben?“

SOHN: „Klar, wird dir auch gleich einfallen. Es heißt „Der Klügere gibt nach“.

VATER: „Wie bitte? Dieses friedliche Wort soll gefährlich sein? Und für diese blöde Feststellung hat Matze’s Vater zwanzig Jahre gebraucht? Das ist echt deprimierend. Muss mich tatsächlich wieder hinsetzen“.

SOHN: „Da kannste mal sehen. Du flutscht auch nur drüber weg, und denkst nicht nach“.

VATER: „Ich flutsche überhaupt nicht. Und wenn, dann könnte ich den Sinn auch noch so im Garten erkennen“.

SOHN: „Überleg doch mal, Papa. Wenn der Klügere nachgibt, dann bekommt doch immer der Dümmere recht. Und Matze’s Vater sagt, so sieht die Welt auch aus“.

VATER: „Moment mal, Moment. So ist das doch garnicht gedacht. Du kannst so ein alltägliches Sprichwort doch nicht in die große Politik übertragen“.

SOHN: „Und wieso nicht?“

VATER: „Weil es einfach nicht passt! – „Der Klügere gibt nach“ sagt man, wenn sich Geschwister streiten, wer das letzte Stück Kuchen haben soll. Da ist es dann der Vernünftige, der „Klügere“, der verzichtet“.

SOHN: „Könnten sie doch auch teilen…“

VATER: „Dann nimm meinetwegen etwas, was sich nicht teilen lässt, einen Bonbon“.

SOHN: „Und wieso soll immer der Dümmere den letzten Bonbon bekommen?“

VATER: „Mein Gott, es geht nicht darum, dass der Dümmere den Bonbon bekommt, sondern daß der Klügere sich nicht deswegen streitet“.

SOHN: „Ist doch dasselbe“.

VATER: „Eben nicht. Es ist ein ganz anderer Blickwinkel“.

SOHN: „Auf jeden Fall bekommt der Dümmere den Bonbon“.

VATER: „Nun leg mich doch nicht auf diesem Bonbon fest. Ist ja fürchterlich, wie du daran festklebst“.

SOHN: „Ich kleb ja garnicht. Ist sowieso ein doofes Beispiel“.

VATER: „Na also. Und du hast natürlich wieder ein besseres“.

SOHN: „Hab ich auch. Weil Matze und ich nachgedacht haben. Zum Beispiel: Da wollen zwei Leute den gleiche Posten haben. Und nun streiten sie sich darüber, wer ihn bekommt. Wenn jetzt der Klügere nachgibt, dann bekommt ja der Dümmere den Posten“.

VATER: „Seit wann kann man sich denn einen Posten aussuchen, eh? – Zuerst muss er mal vergeben werden. Und von dem muss man erwarten können, das er den Klügeren rausfindet“.

SOHN: „Kann ja garnicht mehr. Wenn der Klügere schon vorher aufgibt, dann bleibt doch nur der Dümmere übrig“.

VATER: „So läuft das aber schon mal garnicht, mein Sohn. Wenn der Klügere, also, wenn er so klug ist, dann erkennt er auch, das er den Posten haben muss, weil es wichtig ist. Für ihn und für andere Menschen. Dann wird er eben nicht nachgeben“.

SOHN: „Dann darfst du aber auch nicht an das Sprichwort denken. Sonst muss er nämlich doch nachgeben. Das ist ja grad das Gemeine, sagt Matze’s Vater, dass das Sprichwort suggeriert, das es was Gutes ist, nachzugeben“.

VATER: „Oft genug ist es ja auch tatsächlich was Gutes“.

SOHN: „Aber nicht, wenn man recht hat. Und den Kindern wird auch immer wieder gesagt, das sie Nachgeben sollen“.

VATER zornig: „Kinder sollen nicht nachgeben, sie sollen gehorchen! – Das wäre ja noch schöner, wenn man immer darauf hoffen müsste, das Kinder so gütig sind und nachgeben!!!“.

SOHN besänftigend: „Ich meinte doch bloß, wenn Kinder sich mit Kinder streiten“.

VATER: „Da kann es auch nicht schaden, nachzugeben“.

SOHN: „Und ob das schaden kann! Neulich in der Schule wollte der Jochen und noch andere aus der Clique zwanzig Mäuse in der Mathearbeit laufen lassen. Bloß, damit Herr Fransen mit der Arbeit aufhören muss. Gemein, nicht?“

VATER: „Ja, das ist ein bescheuerter Einfall. Es gefällt mir gut, das du Herrn Fransen in Schutz genommen hast“.

SOHN: „Doch nicht Herrn Fransen, Papa. Die Mäuse. Ist doch ne Sauerei, die in der Schule auszusetzen, damit sie gejagt und sogar erschlagen werden!“.

VATER: „Aber sicher. Eine Tierquälerei kommt noch hinzu. – Und wer hat sich durchgesetzt? – Du und Matze nehme ich mal an“.

SOHN: „Waren noch mehr. Der Ali auch und die Regine. Wir haben einfach nicht nachgegeben“.

VATER: „Und damit die anderen überzeugt“.

SOHN: „Keine Ahnung. Jedenfalls wollten die meisten da mitmachen, aber wir haben dann rumgebrüllt und angedroht, das wir was unternehmen werden, Schülerzeitung und so. Und irgendwie war das denen dann doch wohl zu unheimlich“.

VATER: „Naja, Kompliment. Dann habt ihr es ja geschafft“.

SOHN: „Aber bloß, weil die Klügeren nicht nachgegeben haben. Waren wir doch, die Klügeren, oder?“

VATER: „Ja sicher wart ihr das. Super, mein Sohn“.

SOHN: „Matze sagt, sein Vater hat gesagt, die Klügeren in der Regierung dürfen auch nicht nachgeben“.

VATER erstaunt: „Natürlich nicht…“

SOHN: „Die Klügeren wollen nämlich nicht, dass immer mehr gerüstet wird und unsere Demokratie untergraben wird. Und all sowas, was ich noch nicht so ganz verstehe“.

VATER: „Sehr schlau gesagt, „die Klügeren wollen das nicht“. Aber wenn diese Rechnung aufgehen soll, müssen die Klügeren in allen Ländern das auch nicht wollen“.

SOHN: „Wollen sie ja auch nicht. Die Klugen wollen das auch nicht. Die dürfen eben bloß nicht nachgeben!“

VATER: „In der Politik ist das Nachgeben aber kein Ding der Klugheit oder Dummheit. In der Politik setzt sich immer derjenige durch, der mehr Einfluß und Macht hat“.

Pause, während der Sohn über die Worte nachdenkt.

SOHN: „Soll das etwa heißen, dass die Klugen nie die Macht haben werden?“

VATER wütend: „Das soll heißen, daß solche Klugscheißer wie du und Matze’s Vater keine Macht haben werden!!! – Gott sei Dank nicht! – Sonst wäre die Welt ja wohl ein einziges Irrenhaus!“

SOHN: „Ach nee, und was ist sie jetzt?“

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11 Kommentare

  1. Manuel Z.

     /  29. Mai 2009

    Das ist vielleicht sogar der beste Dialog, den ich je gelesen habe. Typisch Muskelkater, weil lustig und spannend geschrieben, aber in allen Textpassagen identisch mit den tatsächlichen Gegebenheiten.

    Die Pointe allerdings hat mich sehr überrascht. Da war ich nicht drauf vorbereitet. Aber sie bringt es absolut und unverfälscht auf den Punkt.

    Nämlich zur Aufforderung: Leute, wacht auf. Denkt nach oder sogar vor. Es ist kurz vor 12. Wir müssen dieser Willkür Einhalt gebieten!!!

    Danke Muskelkater, für diese perfekte „Satire“ (?)

    Gruß, Manuel Z.

  2. Sehr gut geschrieben und erdacht
    Einfach Klasse
    Erika

  3. _*Love*_

     /  30. Mai 2009

    also dann bin ich eben immer die dümmere, gebe meistens nicht nach wenn ich wasa durchgesetzt haben will

    super martin hast das wiedermal geschrieben!!!!!!!

    habe gelacht, aber wo du recht hast hast recht, stimmt wirklich alles so.
    gute Satire
    möchte mich mal bei dir bedanken für die vielen spannenden blogs die du immer schreibst, leider kann ich nicht immer alles kommentieren.
    hast das wiedermal Klasse geschrieben

    Gruss _*Love*_

    • Ralli

       /  30. Mai 2009

      Spitzenmäßig geschrieben.Und trifft genau zu!
      Hut ab und weiter so!
      Lieben Gruss.Ralli

  4. Toby Tyler

     /  30. Mai 2009

    Boahhh, das saß. Und war perfekt. Aber auch zum Lachen.
    Muss meinen Vorrednern recht geben. Typisch Muskelkater. Er macht es immer so schön mit Umschweife, um dann mit einem Knalleffekt zu enden.

    Ganz großes Kompliment. Es lohnt sich alleine schon wegen den Satiren, hier immer wieder rein zu schauen.

    Toby

  5. Kann mich meinen Vorschreibern nur anschließen.

    Ein heikles Thema mit Humor gewürzt.

    Muskelkater ich bitte Dich mach weiter so.

    Lg, Johann

    PS: Wünsche allen ein sonniges Pfingsten

  6. dani

     /  30. Mai 2009

    Hi M u s k e l k a t e r,
    habs gaanz langsam gelesen – und es kommt mir irgendwie seehr bekannt vor – lach – aber super !

    @Manuel- Zitat: Wir müssen dieser Willkür Einhalt gebieten!!!

    Noch`n Sprichwort gefällig? – „Noch ist nicht aller Tage Abend“ 😉

    LG
    dani

  7. dani

     /  30. Mai 2009

    Hallo M u s k e l k a t e r,
    ich habe alles gaanz langsam gelesen, es kam mir seehr bekannt vor- lach –

    @Manuel-Zitat: Wir müssen dieser Willkür Einhalt gebieten!!!

    Noch`n Sprichwort? „Noch ist nicht aller Tage Abend“ 😉

    Hat mir echt Spaß gemacht
    LG
    dani

  8. Johnny M.

     /  31. Mai 2009

    Einfach unbeschreiblich toll, der Dialog.
    Der Sohn war Marcel, oder?
    Könnte ich mir zumindest gut vorstellen, dass Dein Sohn mit Dir gesprochen hat. Er hat nämlich auch immer so tolle Einwände.

    Ich wünsche mir mehr solcher Artikel, wo die Menschen zum Denken angeregt werden. Denn wie Manuel schon sagte, wir dürfen uns nicht alles gefallen lassen. Und deshalb finde ich es gut, dass es solche Blogs wie Muskelkater, Womblog, Kriegspostille, Saarbreaker, AmSel oder den Eifelphilosophen gibt. Die klären auf und lassen uns nicht auf Mitteilungen sitzen, die vielleicht sogar von der Regierung zensiert werden.

    Bald ist in diesem Jahr die neue Wahl. Und dann kommt hoffentlich die Quittung für das, was den Bürgern so alles angetan wird.

    Gruß,
    Johnny

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